Eine nachdenkliche Geschichte von Wilfried Klapperstück

 

Das geschundene Schaf

 

Wie jedes Jahr nach der Schneeschmelze, trieb der Hirte mit seinen beiden Hunden seine Herde Schafe auf die Sommerwiesen hoch oben auf der Alm. Das Wetter war schön, die Sonne schien milde vom Himmel herab und die Schafe waren tüchtig und munter unterwegs. Auch die Hunde hielten mit großer Sorgfalt und Emsigkeit die Herde bei einander, so dass der Aufstieg ohne Schwierigkeiten verlief.

Gegen Mittag kamen alle erschöpft aber frohgemut auf der Alm an, und der Schäfer machte sich daran, seine Schäfchen zu zählen: "97, 98, 99... Mist, eins fehlt!" Der Hirte schaute sich um, ob er nicht doch eins übersehen haben könnte, dass er nicht ins Zähl-Gatter hineingebracht hatte. Er zählte noch einmal: "97, 98, 99... nichts zu machen: eins fehlte noch!" Also pfiff er seine Hunde zu sich und machte sich mit ihnen auf die Suche nach dem verlorenem Schaf.

Während er dem Hauptweg bergab folgte, den sie hoch gekommen waren, streunerten die beiden Hunde rechts und links davon im Gebüsch und den Abhängen, die Nase immer am Boden und den Schwanz etwas steif angehoben, mit leise wedelnde Spitze, die ihre Aufmerksamkeit bezeugte. Der Hirte rief immer mal wieder laut "Ho! Ho!", um seine Anwesenheit anzumelden, damit das gesuchte Schaf hören kann, dass es gesucht wird. Auch die Hunde mischten sich mit leisen, aber hohem Fiepen in das Suchgeräusch ein. Irgendwann hörten sie ein wehklagendes, lang gezogenes "Mäh...". Die Hunde stürzten  sich in die Böschung hinab, dicht gefolgt vom schlitternden Hirten, der auf dem Geröll schlecht Fuß fassen konnte. Und dann sahen sie es, verheddert im stacheligem Gebüsch, verzweifelt nach dem Hirten oder nach Befreiung rufend. Die Hunde, aus welchem Grunde auch immer, fingen an, laut und heftig zu bellen. Das verängstigte das Schaf so sehr, dass es sich noch tiefer in das Gestrüpp verfing. Der Hirte erschrak: Hinter dem Gebüsch gähnte der Abgrund! Also wandte  er sich jetzt an seine Hunde und blaffte sie an, still zu sein. Sie missverstanden ihn und bellten darauf hin mit ihm um die Wette, dabei das arme Schaf komplett in Panik versetzend. Also änderte der Schäfer seine Taktik und die Hunde beruhigten sich bald. Das Schaf aber zitterte noch gewaltig und wehklagte mal laut, mal leise seine missliche Lage. Als die Hunde sich setzten und dem Schauspiel nun aufmerksam aber gelassen zuschauten, kroch der Hirte näher an das Schaf heran. Dabei wurde ihm bewusst, dass er sein Messer nehmen musste, um es aus dem Dornengebüsch zu befreien. Als das Tier aber, völlig aufgelöst, das Blitzen des Stahls in der Sonne sah, geriet es wieder in Panik, zerrte an den Dornenstränge. Blut fing an zu fließen. Der Mann steckte seine Klinge wieder in die Scheide und mühte sich erst einmal ausgiebig sein Schaf zu beruhigen. Als ihm das endlich gelungen war, zog er vorsichtig sein Schneidewerkezeug wieder hervor und fing an, Fell und Geäst langsam vom Körper des Gefangenem zu lösen. Mittlerweile hatte das Tier begriffen, dass ihm geholfen wird und ließ geschehen, was mit ihm passierte. Nach emsiger und langwieriger Arbeit stand endlich das Schaf wieder auf eigenen Klauen, zerzaust und fleckig geschoren, dennoch gesund und lebendig. Der Tag neigte sich schon arg der Nacht zu, als alle viere, Hirte, Hunde und Schaf, wieder auf der Weide ankamen. Der Rest der Herde, immer noch eingepfercht im Abzählgatter, fing an unruhig zu werden, denn das Gras unter ihm hatte es abgeweidet und die Euter der Lämmermütter drückten durch die  Milch, die gemolken werden musste. Der Hirte bugsierte sein befreites Schaf in die Umzäunung und machte sich daran, die Damen von ihrer Last zu befreien...
Das noch etwas zittrige, zerzauste und zu dreiviertel unregelmäßig geschorene Schaf fror jetzt und suchte die Nähe zu den anderen. Doch diese wichen ihm aus: Zu fremdartig war dieses seltsame Wesen geworden.
Und so geschah es auch in den nächsten Tagen und Wochen: Die Herde mied es und es fror und der Hirte hatte Erbarmen und nahm es unter seinem Überhang, um es zu wärmen. Aber er musste es auch immer wieder frei lassen, sogar wegschubsen, damit es sich ernähren und auch lösen konnte. So wanderte das strubblige Schaf immer zwischen Herde, die ihm beharrlich auswich, und dem Hirten, der es mal aufnahm, mal wegschickte, hin und her. Zwischenzeitlich wuchs das Fell nach, doch nicht so, wie es üblich war, in einer beige-braunen Farbe, sondern in Grau-Silbernen Streifen, die mehr und mehr das ganze Schaf bedeckten. Jetzt leuchtete es in Mitten der Herde so auffällig, das kein anderes Schaf mehr mit es etwas zu tun haben wollte. Der Hirte, der sich ja von seinen Schafen ernährte, entschied also am Ende des Sommers, dass dies der letzte Sommer für sein Silberschaf sein würde. Und so rief er es eines späten nachmittags zu sich, streichelte es ganz lieb und holte sein Messer heraus. Das Schaf wurde ganz ruhig im Angesichts des Messers, denn es wusste noch von damals, als der Hirte es befreite, dass das Aufblitzen der Klinge etwas Gutes bedeutete. Und so legte es sich nach dem Willen des Schäfers auch gelassen hin und bot voller Vertrauen ihm seine Kehle dar. 
Der Schnitt pikste nur kurz. 
Sein Herz leerte sich so schlagartig über die Wunde im Hals von seinem Blut, dass dem Schaf die Sinne schwanden und es dunkel um ihm wurde...

Einige Tage später warf der Hirte seinen alten Umhang weg: Er hatte sich aus dem silbergestreiften Fell seines Lieblingsschafs einen Neuen gemacht. 
Und so blieb das ehemals verfangene, geschundene und abgelehnte Schaf dem Hirten noch sehr, sehr lange sehr, sehr nahe.