9. Nov, 2018

Kennst du den Kampf des Anderen? - Stopp mit dem Stigmata

Schau nicht zurück, schau nach vorne! Diesen Ratschlag hören wir oft, stimmts? Gerade wir mit heftiger Vergangenheit und mehrfach Traumata.

Man streift oft die Vergangenheit als Erinnerung ab, zumindest tut die Erinnerung irgendwann nicht mehr so weh oder sie verblasst. Bei mir ist es fast weg, als ich in die Vergebung gegangen bin und auch hingeschaut habe: was brachten die Menschen, die an mir ungute Dinge getan haben, an Erfahrung in ihrem Leben mit? Das ist keine  Entschuldigung, dass stimmt! Trotz meiner schlimmen Erfahrungen bin ich nicht zum Täter geworden. Ich denke, das kann jeder Mensch irgendwann selbst bestimmen, wo er hin möchte und hat es in der Hand. Eine schlimme Kindheit, kann kein Alibi sein, Schlimmes zu tun.

Ich schreibe gerade an dem zweiten Teil "der Schrei ins Leben" und merke wieviel Heilung passiert ist. In meiner Kindheit ist so viel schlimmes passiert, an mir und in meiner Umgebung, dass ich mich selbst schon wundere..was aus mir doch noch geworden ist. Ja, klar habe ich meine Defizite, ich habe meine Einschränkungen, emotionale Krisen etc. Ticke schon anders, als so "Normalos". Alles was BPS oder PTBS zu bieten hat, kann auch ich in schlimmen Zeiten auffahren, davon bin ich nicht frei. Trotzdem führe ich ein recht eigenständiges Leben und sehr selbstbestimmt. Ich drehe mich immer wieder aus der depressiven oder zerstörrerischen Spirale nach oben. Es kostet wahnsinnig viel Kraft, aber ich schaffe es immer wieder. Darauf kann ich eigentlich auch stolz sein.

Meine Kunst wird auch wieder immer mehr in den Vordergrund gerückt, ich streife gerade die Worte der letzten Jahre ab und gehe erst recht auf meine von Gott gegebenen Gaben zu und lebe sie. Am Sonntag darf ich im Godi, ich wurde gefragt ob ich möchte, acht Lieder mit singen. Es geht ohne Druck, ich habe Freude dabei. Morgen darf ich auch mit jemanden den Bühnen-Aufbau machen. Ich weiß, das ist Jesus, der diese Türe wieder aufgemacht hat. Weg mit den Lügen!!

Dieser Ratschlag, der so oft kommt, "Nicht mehr zurück schauen", nervt mich manchmal wirklich heftig. Oft wird es ganz Vorwurfsvoll gesagt. Die Menschen, die es nicht wissen wie es ist eine PTBS zu haben, wissen auch nicht, dass man nicht einfach los lässt. Auch so ein Bäh-Wort "loslassen". Meist hat man, wie ich auch, die Vergangenheit (Erinnerung) los gelassen. Menschen um uns herum wissen nicht, dass es oft gar nicht um die bewusste Erinnerung geht, die uns traurig oder sehr emotional reagieren lässt. Es ist das, welche umgehensweisen mit Situationen in uns gespeichert sind. Was wir erlernt haben, zb, auf Dinge zu reagieren. Eben oft so, wie es in der Vergangenheit erlernt wurde, um zu überleben. Wenn wir dann so reagieren, wie wir es können, denken "ahnungslose" Mitmenschen, wir würden wieder in der Vergangenheit als "Erinnerung" hängen und uns vielleicht sogar deshalb bemitleiden.

Wie gesagt ich schreibe gerade an meiner Biografie und mindestens 80% meiner Traumata erzähle ich da ungeschönt und ungeschminkt. Sie tun nicht mehr weh, es sind Filme, die ich mittlerweile (ohne Trigger zu haben) anschauen kann. Wenn ich merke, es ist etwas dabei, was mich aufregt oder sehr traurig macht, lege ich es ein bisschen weg und wende das an, was ich in langer Therapie gelernt habe und dann geht es weiter. Aber ich gehe nicht in die Vergangenheit als Bilder und aktive Erinnerung zurück!

Aber das zu lernen dauert viele Jahre und manche können es nicht lernen, weil es für sie zu schwer und heftig ist. Auch das gibt es. Jeder ist unterschiedlich.

Doch gibt es da was, was viele Außenstehende auch noch nicht verstehen. Gerade wenn es oft in Krisen geht, gerade weil man nicht gelernt hat mit gewissem Situationen wie: Verlust, Vertrauen, Angst, Schmerz etc. umzugehen. Oft kommt dann vorschnell: "Du bist wieder in der Vergangenheit, die man gefälligst hinter sich lassen muss".

Meist sind es die aktuellen Verletzungen oder Begebenheiten, die einen unfähig zur normalen Handlung macht und für andere ins Opferbild rutschen lässt. Ohne dass sie wissen, was man schon alles hinter sich gelassen hat und man sich mit allem Ballast, nach vorne schwimmt. Mit riesen Kraftanstrengung.

Den zweiten Teil des Buches schreibe ich gerade deshalb, dass auch Menschen erkennen, wie ich mich freigeschwommen habe. Was ich hinter mir gelassen habe um Lebensfähig zu werden und vielleicht auch noch abgeben muss. Vielleicht auch gerade deshalb, um ihnen zu zeigen, was ich überlebt habe. Was ihnen gar nicht bewusst ist, sondern nur das was VOR AUGEN.

Auch ein bisschen, um uns mit "Geschichte" etwas zu entstigmatisieren und diese "gesunden" Menschen aufzuklären, dass wir gar nicht solche Psychos sind, sondern Menschen, die heftiges überlebt haben, an dem so mancher Mensch vielleicht daran kaputt zu gehen droht.

Wenn ich meine Dinge nicht öffentlich machen würde, würde kein Mensch "mein" PTBS oder BPS auf den ersten Blick bei mir vermuten. Weil wir eben nicht einen Maker auf der Stirn haben, der das Jedem zeigt oder es erkennen kann. Ich werde immer falsch eingeschätzt. "Sehr taff, alles im Griff, alles können", etc. eben auch die meist getragene Masken von mir.

Die Schubladen schaffen aber die Menschen um uns herum! Wir werden oft so verkannt und stigmatisiert. In dem Augenblick wo man sich "schwach" zeigt und seine Erkrankung oder Störung zugibt und die Fasade bröckelt, was immer passiert, sobald "Beziehung" enger wird. Daher haben wir mit BPS gar nicht so viele enge Freunde oder Bekannte, weil es unwahrscheinlich Kraft kostet, immer in der kompetenden, nicht schwachen Rolle zu bleiben. Aber wollen wir das? Ich nicht, ich möchte langsam aber sicher ICH sein, mit Allem was ich mitbringe. Ich bin nicht perfekt, genauso wenig wie DU!!! Ich muss nicht eine geile Figur haben, um auf die Bühne zu dürfen. Ich muss nicht nach dem Mund der Menschen reden, damit ich "beliebt" bin. Da gibt es soviel Defizite und Schranken, die ich mir selbst aufzwinge und die mir die Gesellschaft übergestülpt hat. Damit ist jetzt Schluss!!!

Ohren auf Durchzug und glauben was JESUS mir sagt: Elke, Du bist gut, so wie du bist. Ich liebe dich!". Wow sagt ein König, nicht nur zu mir, sondern auch zu DIR und das ist mehr wert, als die Beliebtheit bei Menschen. 

Blessings